Am Mittwoch, den 15. April, war der Unterricht der Oberstufe alles andere als gewöhnlich. Anstelle von Mathematik oder Englisch stand ein Nachmittag im Zeichen eines besonders wichtigen Themas: Inklusion.
Rund 9,5 % der deutschen Bevölkerung leben mit einer schweren Behinderung. Diese beinhalten sowohl Menschen, die von Geburt an Einschränkungen haben, als auch solche, die durch Schicksalsschläge oder Unfälle beeinträchtigt wurden. An der Montessori Schule Lauf haben 17 Schüler*innen der Grund- und Mittelschule einen inklusiven Hintergrund. Dies war Anlass für die Pädagog*innen und die Schüler*innen, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, um ein besseres Verständnis für Menschen mit Beeinträchtigungen zu entwickeln.
Im Rahmen des Projekts durchliefen die Schüler*innen verschiedene Stationen, die ihre Sichtweisen erweitern sollten. Zunächst prüften sie am Campus der Beethovenstraße das Schulgebäude und das Gelände auf Rollstuhltauglichkeit. Der Wunsch nach diesem Perspektivenwechsel während dieser Station kam aus der Schülerschaft. Durch gezielte Aufgaben wie zum Beispiel „das Handy aus der benachbarten Turnhalle zu holen“, erfuhren sie, was es bedeutet, im Schulalltag mit Beeinträchtigungen zurechtzukommen. Schnell wurde deutlich, dass sich einige Schüler*innen unwohl fühlten, um Hilfe zu bitten, oder die neugierigen Blicke anderer unangenehm als empfunden wurden. Ein Schüler beschrieb in der nachgelagerten Reflexion die Situation wie folgt: „Ich habe mich gefühlt wie ein Tier im Zoo”. Dieser Perspektivenwechsel und das Entwickeln von Empathie waren zentrale Aspekte des Projekts.
Eine weitere Herausforderung erwartete die Jugendlichen in der Laufer Innenstadt. „Ich möchte, dass ihr eigenständig versucht, den Marktplatz zu erreichen – und zwar im Rollstuhl!“, erklärte Pädagoge Philipp Lennert zu Beginn der Station. Schon bald stießen die ersten Hindernisse und Herausforderungen auf die Schüler*innen: Ladentüren ließen sich nur mit Hilfe öffnen, und Gehsteige konnten nicht ohne Unterstützung überquert werden. Aufgrund der teils hügeligen Straßen in der Innenstadt rollte eine Schülerin unbeabsichtigt fast auf die Straße. Die Erfahrungen verdeutlichten, dass viele Läden, Straßen und Einrichtungen nicht rollstuhlgerecht sind.
Anni, eine Schülerin, die von Geburt an auf einen Rollstuhl angewiesen ist, teilte ihre persönlichen Erfahrungen in einer Präsentation zum Thema „Inklusion“ und „Barrierefreiheit“. Sie berichtete mit Humor über ihre täglichen Herausforderungen und machte deutlich, wie wichtig es ist, Menschen mit Behinderungen wie jeden anderen zu behandeln. „Ich lache viel, Menschen mit Behinderungen lachen allgemein viel mehr!“, erklärte sie und ergänzte: „Redet normal mit mir, mein Kopf funktioniert super – ich sitze nur im Rollstuhl.“ Anni erzählte von Situationen, in denen sie sich wie „minderbemittelt“ fühlte, weil andere in kindlicher Sprache mit ihr sprachen oder nur mit ihrer Schulbegleitung kommunizierten. Lehrer, Marius Berendt machte daraufhin aufmerksam, dass oft über Menschen mit Beeinträchtigungen entschieden wird, ohne dass die Entscheider*innen ihre Lebensrealität nachvollziehen können. „Im Deutschen Bundestag ist nur eine Minderheit von Menschen mit Einschränkungen vertreten“, erklärte er und nannte Beispiele wie Heike Heubach, die taubstumm ist, oder Simone Fischer, die sich als kleinwüchsige Politikerin für Inklusion und Teilhabe stark macht. „Barrierefreiheit gehört dazu, wenn man Menschenrechte ernst nimmt.“, schließt Marius Berendt ab.
Zusätzlich zur Auseinandersetzung mit Beeinträchtigungen des Bewegungsapparats durften die Schüler*innen sich auch in die Lage von erblindeten Menschen versetzen. Mit verbundenen Augen gestalteten sie Bilder oder versuchten, sich etwas zu trinken einzugießen. Dabei stellte sich schnell heraus, dass ohne Augenlicht das räumliche Empfinden verloren geht und Orientierungslosigkeit eintritt. Die Schüler*innen nahmen verstärkt andere Sinne wie Tasten und Hören wahr. Am Ende dieser Station hielten alle fest: der Verlust des Augenlichts ist nicht nur körperlich, sondern auch psychisch eine enorme Herausforderung.
Neben den praktischen Erfahrungen erhielten die Schüler*innen auch einen fundierten theoretischen Einblick in die Welt der Paralympics. Im Rahmen eines Dokumentarfilms, der die Bedeutung von Sport für Menschen mit Behinderung eindrucksvoll in den Mittelpunkt stellte, wurden nicht nur gesellschaftliche Aspekte thematisiert, sondern auch persönliche Perspektiven eröffnet. Besonders die Einblicke in das Leben und die sportliche Karriere der Paralympics-Teilnehmerin Anna-Lena Forster veranschaulichten eindrucksvoll, mit welchem Engagement, Durchhaltevermögen und welcher Leidenschaft Leistungssport auch von Menschen mit Beeinträchtigungen betrieben wird. Die Schüler*innen konnten durch diese Station ein vertieftes Verständnis für die Herausforderungen und Erfolge von Athlet*innen mit Behinderung entwickeln. Gleichzeitig wurde ihre Sensibilität für Inklusion, Chancengleichheit und die Bedeutung von sportlicher Teilhabe gestärkt.
Das Projekt „Easy? – Denkste!“ wurde dieses Schuljahr als Pilotprojekt in der Oberstufe durchgeführt. Aufgrund der positiven Resonanz wird es künftig ein fester Bestandteil des Lehrplans der Sekundarstufe der Montessori Schule und alle zwei Jahre durchgeführt werden. Denn eines wurde deutlich: Inklusion geht uns alle an.
Ein großer Dank gilt dem Team von Orthopoint, welches die zahlreichen Rollstühle zur Verfügung und somit das Projekt erst möglich gemacht hat. Ebenso ist die Mitarbeit der Oberstufen-Schüler*innen an der Konzeption der jeweiligen Stationen hervorzuheben.





