Pädagogik
Das kleine Monte-Einmaleins
Jedes Kind ist einzigartig
Kennzeichnend für die Montessori-Pädagogik ist die konsequente Orientierung am Kind und seiner Entwicklung. Vertrauen in die vorhandenen und z.T. noch verborgenen Fähigkeiten ist dafür konstitutiv. Aufgabe der Erwachsenen, der Lehrkräfte und Erzieher*innen ist es, alles so vorzubereiten, dass die Kinder selbstorganisiert „ihr” Thema zum für sie individuell richtigen Zeitpunkt bearbeiten können.
Es gibt keinen allgemein gültigen Zeit- oder Masterplan, sondern ein vielfaches Neben- und Miteinander unterschiedlichen Lernens und Entwickelns. Die genaue Beobachtung und zugewandte Aufmerksamkeit der Pädagog*innen ist dafür essenziell. Sie sorgen für eine anregende, impulsreiche Lernumgebung, sie organisieren die Verbindung zur konkreten Lebenswirklichkeit, sie geben Feedback an Kinder/Jugendliche und Eltern.
Ziel ist es, jedes Kind seinen Weg so gehen zu lassen, wie es für diesen einzelnen Heranwachsenden passt. Jede*r soll die individuellen Fähigkeiten so gut wie irgend möglich entwickeln können. „Erfolg” bei Montessori meint genau das: das erkennen und erreichen, was für die oder den Einzelnen richtig ist. Lernen lernen, eine persönliche Entwicklung vollziehen, mit Selbstvertrauen und Zuversicht den nächsten Schritt angehen.
Montessori-Pädagogik:
100 Jahre alt und hochaktuell
Es ist insbesondere eine wesentliche Grundlage der Montessori-Pädagogik, die sie gerade hinsichtlich der aktuellen Herausforderungen der Gesellschaft so aktuell und relevant macht: die Aufforderung zur Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit, zur eigenständigen Aneignung von Schlüsselkompetenzen, zur Übernahme von Verantwortung für das eigene Tun. Individualisiertes Lernen ermöglicht den Zugang zu den eigenen Stärken und Schwächen, um aus der Reduktion des Konkurrenzdenkens heraus Kooperation und einen produktiven Umgang mit Verschiedenheit anzuregen – die wichtigste Grundlage für die Entwicklung von Toleranz und gegenseitigem Respekt.
Sensible Phasen
Individuelle Phasen, in denen Kinder eine besonders hohe Bereitschaft und Fähigkeit für das Erfassen bestimmter Lerninhalte zeigen. Die Abfolge dieser Phasen folgt einer inneren Gesetzmäßigkeit, sie zeigen sich in Form eines lebhaften Bedürfnisses, sich mit ganz bestimmten Tätigkeiten oder Dingen zu beschäftigen. Idealerweise treffen passende Themen und das offene Aufmerksamkeitsfenster aufeinander. In den altersgemischten Lerngruppen der Montessori-Einrichtungen nimmt die vorbereitete Umgebung genau darauf Rücksicht: Verschiedene Materialien und verschiedene Niveaus erlauben den Kindern ihren Bedürfnissen und ihrem Wissen-wollen individuell zu folgen.
Selbsttätigkeit und Bewegung
Für Maria Montessori stand außer Frage, dass Lernen ausschließlich über Selbsttun und Bewegung geschieht. Sie bezog sich dabei auf die Beobachtungen von Kindern aus aller Welt, die belegten, dass das Kind seine Intelligenz durch Bewegung entwickelt: Sprechen lernen wir durch Sprechen, Laufen durch Laufen und Radfahren durch Radfahren. Da sich also viele menschliche Fähigkeiten auf der Basis von Aktivität entwickeln, ist die Forderung nach Bewegung und eigenem Tun des Kindes ein zentraler Faktor der Montessori-Pädagogik.
Polarisation der Aufmerksamkeit
Dieser Begriff beschreibt eine Form der Aufmerksamkeit des Kindes, die es unter bestimmten Umständen zu anhaltender konzentrierter Beschäftigung befähigt. Sie kann weder befohlen noch künstlich hervorgerufen werden. Sofern die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, ermöglicht die Polarisierte Aufmerksamkeit jedem Kind eine geistige Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, die nicht in Ermüdung und Erschöpfung endet, sondern im gestillten Bedürfnis, sich ganz und ausschließlich einer Tätigkeit gewidmet zu haben. Infolge dieser Polarisierung entwickeln sich Eigenschaften wie „spontane Disziplin“, „ständige, freudige Arbeit“ sowie „soziale Gefühle der Hilfe und des Verständnisses für die anderen“.
Kosmische Erziehung
Die „kosmische Erziehung” nach Maria Montessori setzt auf die großen Entwicklungs- und Verbindungslinien. „Kosmisch” ist dabei überhaupt nicht esoterisch zu verstehen, sondern bezeichnet die kindgerechte Zusammenschau naturwissenschaftlicher Kenntnisse. In den großen „Kosmischen Erzählungen” werden einzelne Themen altersgemäß vorgestellt. Im Rekurs auf den erzählenden Zusammenhang können dann einzelne Aspekte vertieft und aktualisiert und erläutert, also von den Kindern aufgegriffen, hinterfragt und verstanden werden. Kosmische Erzählungen drehen sich z.B. um die Entstehung der Erde, die Entwicklung des Lebens, den Blutkreislauf, die Schrift.
Individualisierter Lernprozesses
Elementarer Bestandteil der Montessori-Pädagogik ist die größtmögliche Individualisierung des Lernprozesses. Denn indem das Kind die Möglichkeit erhält, Lerninhalt und -tempo weitgehend selbst zu bestimmen, kann es seine Sensiblen Phasen optimal nutzen. Dadurch wird eine Überforderung ebenso wie eine Unterforderung vermieden. Das Kind lernt stets auf seinem individuellen Niveau und lässt sich dabei von seiner eigenen inneren Motivation leiten.
Freie Wahl der Arbeit
Montessori erkannte bereits zu ihrer Zeit, was die heutige Kognitionsforschung bestätigt: Echter Lernerfolg ist nur dann von Dauer und von bildender Wirkung, wenn das Kind sein Lernen und seine Entwicklung durch aktives Handeln selbst bestimmen kann. Die „Freie Wahl der Arbeit“ mit all ihren Konsequenzen lässt tief greifende Veränderungen in der kindlichen Persönlichkeit zu. Am auffallendsten ist dabei die freiwillige Disziplin. Jedoch darf die erforderliche Freiheit keinesfalls mit Bindungslosigkeit, Willkür oder Beliebigkeit verwechselt werden. Der Weg in die Freiheit muss, unter Berücksichtigung des geistigen Wachstums des Kindes, behutsam begleitet erfolgen.
Vorbereitete Umgebung
Die „Vorbereitete Umgebung“ beschreibt sowohl den psychischen als auch den physischen Raum, in dem das Kind entscheidende Schritte seines seelischen und geistigen Wachstums vollziehen kann. Architektur, Mobiliar und Material sollen den ästhetischen und praktischen Ansprüchen des Kindes genügen. Dem Material kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn ohne geeignete Gegenstände kann sich ein Kind nicht konzentrieren. Das Material für die Übung der Sinne wird von den sensorischen Bedürfnissen des Kindes bestimmt, das Sprach- und Rechenmaterial entspricht dem Bedürfnis nach handelndem und exemplarischem Lernen.
Jahrgangsmischung
Der Aufbau eines konstruktiven Lern- und Arbeitsverhaltens gelingt nach Auffassung Maria Montessoris am besten in altersgemischten Gruppen. Unsere Schüler*innen werden in der Grundschule in jahrgangsgemischten Lerngruppen
1 – 4 unterrichtet; in der Mittelschule sind die Jahrgänge 5/6, 7/8 und 9/10 zusammengefasst. Jahrgangsgemischte Lerngruppen haben drei bedeutende Vorteile:
- Sie ermöglichen individuelle Lernfortschritte.
- Sie ermöglichen „Lernen durch Lehren“.
- Sie fördern soziales Lernen.
Die Rolle der Pädagog*innen
Der Lehrkraft fällt in der Montessori-Pädagogik eine völlig neue Rolle zu. Sie hat sich als Beobachterin und Helferin zu verstehen. Montessori spricht von der „dienenden“ Funktion der Lehrkraft. Das Kind selbst ist es, das sein Tun vorwiegend bestimmt. Das Material und weniger die Lehrkraft motiviert. Sie fungiert als Mittlerin zwischen Material und Kind und muss bei jedem*jeder einzelnen Schüler*in überblicken, welche Lernziele schon erreicht und welche Schwierigkeiten im Moment zu meistern sind. Wenn nötig, bietet die Lehrkraft ihre Hilfe an. An unserer Schule werden die Klassenlehrer*innen während der gesamten Freiarbeitsphase von Pädagogischen Fachkräften unterstützt, die fester Bestandteil des Pädagog*innenteams sind.
Lernen mit allen Sinnen: Monte-Material
Das von Maria Montessori entwickelte Material schafft es in einmaliger Weise, Lerninhalte und innere Strukturen von Lernprozessen darzustellen. Die Materialien bauen systematisch aufeinander auf und ihr Reiz liegt in einer klaren, sachlichen Veranschaulichung. Das spezielle Montessori-Material ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Klassenräume. Es versetzt das Kind in die Lage, seinem individuellen Entwicklungsstand entsprechend selbstständig und – so weit wie möglich – ohne Hilfe durch Erwachsene zu lernen, zu üben und zu wiederholen.
Rosa Turm
Römische Brücke
Perlenmaterial
Braune Treppe
Perlenmaterial bei Matheaufgabe
Zahlentafeln
Wortartensymbole
„Schachbrett”
Maria Montessori (1870-1952)
Ärztin, Vorreiterin, zugewandte Beobachterin
Am Anfang stand ihr genauer Blick auf benachteiligte Kinder aus sozial schwachen Schichten sowie mit Einschränkungen. Es folgten die Erkenntnis definierter Stufen des Heranwachsens sowie des großen Einflusses von Förderung und Anregung bei vermeintlich unbegabten Kindern. Die praktische Umsetzung begann Montessori in bildungsfernen Schichten und proletarischen Stadtvierteln.
Vita im Überblick:
- Studium der Medizin, als das für Frauen in Italien noch gar nicht vorgesehen war und eine der ersten Ärztinnen des Landes
- Dozentin in der Lehrerausbildung
- Eröffnung des ersten Kinderhauses (“Casa dei Bambini”, 1907) in einem römischen Arbeiterviertel
- Ab 1909 Entwicklung und Lehre ihrer “Methoden der wissenschaftlichen Pädagogik”
- Fortsetzung ihrer Arbeit und Weiterentwicklung nach dem zweiten Weltkrieg durch Sohn Mario Montessori