Mathematik verstehen

Bereits Ende Februar fand der dritte Samstags-Kurs der Monte konkret!-Reihe “Pädagogik für Eltern” statt.

 „Mathematik ist mehr als Rechnen“ – so beginnt der dritte Kurs der Reihe „Monte konkret!“ in der Aula der Montessori-Schule Lauf. Dort hat sich wieder eine Gruppe Eltern eingefunden, manche vertraute Gesichter aus den vorherigen Workshops, bereits eine kleine gewachsene Gemeinschaft. Schon beim Ankommen ist klar: Dies ist kein klassischer Seminarraum. Viele haben ihre Schuhe ausgezogen und sitzen auf dem Boden – eine fast wohnzimmerartige Atmosphäre. Bunte Wandgestaltungen und spielerisch bemalte Treppenstufen mit Einmaleins-Reihen und Zahlenbildern erinnern überall daran, dass Mathematik hier nicht nur besprochen, sondern gelebt wird.

Kursleiterin Alexandra Hirschmann führt in die Grundidee ein, dass Mathematik nach Maria Montessori weit über das reine Rechnen hinausgeht. Sie ist Ordnung, Struktur, Mustererkennung und ein Weg, die Welt zu verstehen. „Aus Handrechnen wird Kopfrechnen“, zitiert sie Montessori, „wer beim Abschätzen von Mengen seine Hände richtig einzusetzen gelernt hat, wird auch bei geistigen Mengen das richtige Maß behalten.“ Entscheidend sei nicht das Ergebnis, sondern das Begreifen – und genau dafür sei das Montessori-Material gemacht: als Entwicklungsbegleiter, nicht als Hilfsmittel.

Im Kreis, um einen großen runden Teppich versammelt, liegt ein Teil des Mathematikmaterials ausgebreitet. Die Eltern sitzen dicht beieinander, drehen den Teppich nach jeder Vorstellung ein Stück weiter wie eine Käseplatte. Hirschmann kniet davor, erklärt, zeigt, lässt anfassen. Etwa ein Achtel des gesamten Materials wird gezeigt mit dem Hinweis, dass nicht jedes Material ist für jedes Kind geeignet sei. Hirschmann versichert: „Jedes Material hat seinen klaren Sinn.“

Vorgestellt werden unter anderem die numerischen Stangen, der Spindelkasten, mit dem Zahlen bis zehn durch Sortieren und Kontrollieren erfahrbar werden, sowie die Ziffern-und-Chips-Arbeit zur Unterscheidung von geraden und ungeraden Zahlen. Farbige Perlenketten machen Mengen sichtbar, das goldene Perlenmaterial führt in das Dezimalsystem ein, und der Stellenwertteppich ordnet Millionen, Tausender, Hunderter, Zehner und Einer in ein greifbares System. Auch der Rechenrahmen und der Hunderterteppich werden vorgestellt – immer mit dem Ziel, dass Zahlen nicht abstrakt bleiben, sondern ein Bild im Kopf bekommen.

Begleitet wird der Vormittag von einem kurzen Film mit Klaus Kaul und Carolina Abel aus der Akademie Biberkor, wo auch Lehrkräfte der Montessori-Schule ausgebildet werden. Der Tenor ist eindeutig: Die Pädagogik von Montessori sei ihrer Zeit weit voraus gewesen – und werde heute durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse in vielen Punkten bestätigt. Kinder, die mit Mathe-Ängsten starten, verlieren diese oft durch das Arbeiten mit dem Material.

Zur Mittagszeit kommt Verstärkung: Pädagogin Daniela Wilimsky ergänzt die Runde, sodass parallel gearbeitet werden kann – während eine Gruppe sich dem Wurzelziehen nähert, beschäftigt sich die andere mit dem sogenannten Schachbrettmaterial. Hier wird sichtbar, wie selbst komplexe Rechnungen durch Struktur, Farbe und Bewegung lösbar werden. Eine Aufgabe wie 208561 × 218 wird nicht gerechnet, sondern gelegt, verschoben, getauscht – bis das Ergebnis sichtbar entsteht.

In der anschließenden Freiarbeit tauchen die Eltern tief ein: am 10er-Haus, mit Perlenmaterial, im Einmaleinsbuch oder am Einmaleinsbrett. Die Konzentration im Raum entsteht leise, fast selbstverständlich. Manche helfen sich gegenseitig, andere bleiben lange bei einer einzigen Aufgabe, wieder andere beobachten einfach.

In der Reflexionsrunde wird deutlich, was der Kern des Tages ist: Mathematik bedeutet auch Aushalten, Fragen, Pausen zulassen – „weil ich nicht weiß, wie es geht“, „weil ich es selbst versuchen will“, „weil ich warte“. Die Pädagoginnen sehen sich dabei vor allem als Beobachtende: Kinder kennen die Spielregeln, sie dürfen sich Zeit nehmen.

Am Ende steht die Erfahrung, dass Mathematik nicht Angst machen muss, sondern Struktur geben kann – und dass genau diese Struktur schon in der Grundschule erfahrbar ist. Oder, wie es eine Mutter zusammenfasst: „Das ist nicht weniger Rechnen – das ist mehr Verstehen.“